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13.01.2011

10 Jahre Wikipedia – Ein Nachruf

Filed under: Politik und Philosophie — Schlagwörter: , , , , — BenBE @ 16:46:47

Liebe Wikipedia,

kaum zu übersehen, prangt nach dem Spendenaufruf der vergangenen Wochen nun ein neues Banner am oberen Rand jeder deiner Webseiten, um wie bereits seine Vorgänger der vorigen Wochen vom Wesentlichem abzulenken, den Inhalten. Aber bevor wir dazu kommen, möchte ich mich durchaus anderen Leuten anschließen und Dir,Wikipedia, zu Deinem zehnten Geburtstag recht herzlich gratulieren.

Mit mehreren zehntausenden Zugriffen in jeder Sekunde gehörst Du, Wikipedia, zu einer der wichtigsten Informations- und Inspirationsquellen für Millionen Menschen weltweit, was Du nicht allein dadurch erreicht hast, dass Du mit der freien Editierbarkeit Deiner Inhalte neue Wege beschritten hast, sondern insbesondere auch dadurch, dass Du durch deine freizügige Wiederverwendbarkeit vielfältige Möglichkeiten der Nutzung erschlossen hast, die vorher nur schwer vorstellbar gewesen waren.

Diese erfrischend andere Art, Dinge anzugehen, ist eine Deiner Stärken, wenn es darum geht, den Menschen einen Mehrwert zu bieten und dabei durch für jedermann verständlich aufbereitetes Wissen einen Unterschied zu machen. Dank Dir wissen wir, dass gemeinsame Bemühungen mehr bewirken können und dabei dennoch ohne erzwungene Gegenleistung bereitgestellt werden können. Denn Leute sind gerne bereit, für einen Gegenwert einen angemessenen Beitrag beizusteuern, sei es intellektuell oder finanziell. Auch ein weitestgehender Verzicht strenger Hierarchien in einem der größten Projekte der Menschheit ist ein durchaus anzuerkennender Erfolg deiner Bestrebungen. Du bietest mit Deiner Offenheit zahlreichen Menschen, unterschiedlichster Herkunft, Kulturen und Einstellungen eine Heimat!

Doch bitte übertreib es nicht! Wir mögen DDch nicht, weil Du uns ständig einen Spendenbutton vor die Nase reibst. Wir mögen Dich nicht, weil Du uns Wissen kostenlos zur Verfügung stellst. Wir mögen Dich nicht, weil Du althergebrachte Strukturen über den Haufen wirfst und Neues versuchst. Nein. Wir mögen Dich, weil wir dein Ziel unterstützen und richtig finden.

Also sei bitte auch gegenüber uns so freundlich, nicht wegen jedem kleinem Wehwehchen gleich einen Aufstand zu machen. Wir sind alle in Geldnöten; der eine mehr, der andere vielleicht weniger. Versuche doch einmal, mit den Dir zur Verfügung gestellten Mitteln zu besser zu haushalten. Wir alle müssen sparen in guten wie in schweren Zeiten, um uns das Leben insgesamt zu erleichtern. Ständiges Betteln um Aufmerksamkeit lenk von Deinen hehren Zielen doch nur ab!

Denn was Du wolltest, ist das Wissen der Menschheit sammeln und verfügbar zu machen. Doch stattdessen löschst Du Dich jeden Tag auf’s Neue und erfindest die Gründe aus einer langen, schier endlosen Liste immer neu. Gelöscht wegen mangelnder Quellen? Gelöscht wegen Theoriefindung? Gelöscht wegen Irrelevanz? Das glaube ich Dir nicht! Denn jedes Wissen, sei es belegt, sei es erfunden oder sei es irrelevant, ist Wissen der Menschheit und von daher ein integraler Bestandteil dessen, was DU erschaffen wolltest: Einer Enzyklopädie des Wissens der Menschheit. Wie relevant jedes Thema ist, entscheidet jeder Leser für sich; genauso wie jeder Artikelschreiber entscheidet, was er relevant genug erachtet, um es anderen mitzuteilen. Spiele keine Instanz, der Du nicht gerecht werden kannst!

Auch sei bitte vorsichtig, wie Du dich organisierst und mit wem Du deinen Umgang pflegst! Nicht jeder User, der viel schreibt, fleißig ist, dich mit Wissen füttert, ist gleichzeitig auch geeignet, Dir den richtigen Weg zu zeigen. Denn im Gegenteil, sind gerade diejenigen, die Dich kontrollieren wollen wollen, diejenigen, denen Du am wenigsten Gehör schenken solltest. Du bist da, für Deine Nutzer, denen Du bereitwillig mit ihren Sorgen und Nöten hilfst; ihnen Ratschläge und Wissen gibst, mit dem sie sich behelfen können.

Deine Vision ist großartig und galt für viele als ein revolutionärer Weg, Dinge zu organisieren. Ohne Strukturen. Ohne Hierarchien. Selbstorganisiertes Chaos! Kehre bitte zurück aus Deinen verkrusteten Strukturen die in vielen Ecken genau die Position vertreten, die Du hinter Dir lassen wolltest, den status quo, den Du überwinden wolltest. Sei mutig und springe über Deinen Schatten, um auch weiterhin visionär zu sein, statt einfach nur ein Zuschlagewerk für Löschmins und Artikeltrolle zu sein.

Bleib wie Du werden wolltest. Und bitte wiederhole nicht die vielen Fehler, die andere bereits vor Dir bereits begangen haben!

Vielen Dank und auf zahlreiche weitere glückliche Jahre mit Dir,
Deine, Dich liebenden Freunde.

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2 Comments »

  1. Ich kann Dir in vielen Teilen zustimmen und habe auch an ein paar Stellen geschmunzelt. Aber auf einen Punkt will ich dann doch mal eingehen. In Bezug auf das Löschen von Inhalten (Quellen, Theoriefindung, Irrelevanz) schreibst Du:
    „Denn jedes Wissen, sei es belegt, sei es erfunden oder sei es irrelevant, ist Wissen der Menschheit und von daher ein integraler Bestandteil dessen, was DU erschaffen wolltest: Einer Enzyklopädie des Wissens der Menschheit.“
    Mag ja sein, dass erfundenes Wissen („Goethe lebt!“) oder irrelevantes Wissen (Neuer Artikel: „Bäckerei Müller in Kleinobersendelbach“) zum Wissen der Menschheit gehört; in einer Enzyklopädie hat es aber nix zu suchen. Denn dann wird es unübersichtlich. Eine solche Bibliothek des Menschheitswissens, die allumfassend ist, und jeden Schmarrn umfasst, gibt es bereits. Das World Wide Web. Einfach mit Google suchen. Eine Enzyklopädie muss sich davon abgrenzen. Mann will sich auf die Richtigkeit des Wissens auch verlassen. Klar ist auch, dass die Diskussionen dann nicht ausbleiben, was irrelevant ist usw. Unter dem Strich ist und bleibt Wikipedia (für mich) eine der größten Errungenschaften des letzten Jahrzehnts.

    Kommentar von linuxnetzer — 13.01.2011 @ 17:00:57

  2. Klar, ich bin durchaus überzeugter Inklusionist und in meinen Ansichten auch relativ radikal, aber es gibt durchaus eine ganze Reihe von Regeln, für die Entscheidung der Relevanz, die in der Wikipedia eher nach Willkür als nach überlegter Abgrenzung aussehen. Hier wurde die deutsche Bürokratie in wunderbarer, schöner Übernahme der Traditionen aus Kleingartenanlagen zur Perfektion getrieben. Es geht sicherlich nicht darum, dass Erika Mustermann von Kopf bis Fuß biometrisch genau vermessen beschrieben wird, oder die Bräuche beim Wechseln von Baugruppe XY in Rack 3 in der DiV von Hintertupfingen als dreiteilige Romanserie erscheinen; jedem durchaus seine angemessene Bekanntheit – wobei halt keine Relevanz nicht existiert und somit jeder, der als so beschreibenswert gehalten wird, dass ihn andere in einer Enzyklopädie aufgenommen wissen wollen, auch einen Artikel bekommen sollte. Aber zur Löschdebatte gab es ja Oktober 2009 bis Februar 2010 genug Diskussionsmaterial, da brauch ich mich hier nicht zu wiederholen. Dass die Wikipedia dadurch zu einem zweiten Internet der Belanglosigkeiten wird, wage ich stark zu bezweifeln, denn erst durch das Internet WIRD die Wikipedia zu dem, was Sie ist.

    Kommentar von BenBE — 13.01.2011 @ 17:48:21

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