{"id":753,"date":"2010-07-25T16:28:14","date_gmt":"2010-07-25T14:28:14","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.benny-baumann.de\/?p=753"},"modified":"2010-07-27T02:41:40","modified_gmt":"2010-07-27T00:41:40","slug":"computer-systeme-fur-blinde-und-die-arbeit-mit-diesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.benny-baumann.de\/?p=753","title":{"rendered":"Computer-Systeme f\u00fcr Blinde und die Arbeit mit diesen"},"content":{"rendered":"<p>Die Tage wurde ich von einem Kunden zu einem der etwas anderen Auftr\u00e4ge gerufen. Also es hatte auch mit Computern zu tun, wie es so h\u00e4ufig der Fall ist, wenn irgendwer um meine Hilfe br\u00fcllt. Aber doch war es etwas anders, als es vielleicht viele gewohnt sein werden, wenn Sie sich irgendwo um einen Rechner bei Kunden oder im Bekanntenkreis k\u00fcmmern drfen. Ich sage dies, weil es sich bei dem Problemfall um eine Rechner f\u00fcr einen blinden Nutzer handelte, der mit Hilfe dieses Systems eine Unterst\u00fctzung beim Bearbeiten der anfallenden Post und dem Erhalten von Informationen z.B. aus dem Videotext bekommt. Da viele mit dieser Art von Systemen mit hoher Wahrscheinlichkeit noch nicht in Ber\u00fchrung gekommen sind, ist die Beschreibung, wie ein solches System typischerweise aussieht, wahrscheinlich am besten f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der nachfolgenden Erkl\u00e4rungen meines Hilfseinsatzes.<!--more--><\/p>\n<p>Wer sich ein solches System spontan als einen normalen Computer vorgestellt hat, ist der Realit\u00e4t schon einmal recht nah, wobei der Teufel hier im Detail liegt. Jedoch ist keines dieser Systeme wirklich vollst\u00e4ndig identisch, selbst wenn die damit zu erledigenden Aufgaben die vollkommen gleichen sein sollten: Jedes dieser Systeme ist anders und f\u00fchrt damit sein eigenes Eigenleben. Da diese Systeme ferner als Unterst\u00fctzung, d.h. Hilfsmittel, ausgelegt sind, muss man beim Arbeiten an diesen Systemen insbesondere bei der Konfiguration extrem vorsichtig sein, da viele Informationen, die man als Sehender \u00fcber den Monitor erh\u00e4lt mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht oder nur unzureichend f\u00fcr den regul\u00e4ren Nutzer dieser Systeme greifbar sind. Vielmehr findet man es sogar oftmals, dass viele Nutzer dieser Systeme geradezu allergisch auf \u00c4nderungen &#8211; und seien sie noch so klein &#8211; reagieren.<\/p>\n<p>Eine weitere Frage, die in diesem Zusammenhang f\u00fcr viele interessant sein wird, ist der erw\u00e4hnte Punkt des blinden Nutzers und wie dieser denn ohne etwas zu sehen mit dem Computer arbeiten kann. Im Grunde gibt es hierf\u00fcr zwei Grundlegende Varianten: Entweder macht man den Bildschirminhalt ertastbar, indem man etwa eine Braille-Zeile an den Rechner anschlie\u00dft, oder aber, in dem man teile des Bildschirminhaltes \u00fcber eine Sprachausgabe h\u00f6rbar macht. Auf diese Weise erh\u00e4lt der Nutzer einen Teil der Informationen f\u00fcr ihn zug\u00e4nglich, die ihm sonst verschlossen geblieben w\u00e4ren. Allerdings wirklich auch nur einen Teil, was wieder zur\u00fcck auf die oben erw\u00e4hnte Allergie gegen\u00fcber \u00c4nderungen f\u00fchrt: Wenn ich von einem System nur eingeschr\u00e4nkt eine R\u00fcckmeldung erhalte, m\u00f6chte ich ungern, dass dieses System pl\u00f6tzlich anders reagiert, wie ich es erwarte bzw. gewohnt bin. Von daher ist dies also mehr als verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Unterbrechen wir an dieser Stelle die Geschichte einmal kurz f\u00fcr einen kleinen Selbstversuch: Starten Sie Ihren Rechner einmal neu und versuchen Sie ohne Nutzung des Monitors (testweise einmal ausschalten) im Browser eine Google-Suche nach einem beliebigen Begriff durchzuf\u00fchren. Wer dieses Experimentproblemlos meistert, darf sich an dieser Stelle als Genie bezeichnen, denn selbst f\u00fcr Nutzer, die tagt\u00e4glich n ihrem Computer arbeiten wird selbst diese vergleichsweise einfache Aufgabe eine Herausforderung darstellen. Man ist es in seinem Umgang mit seinem Computer einfach gewohnt, \u00fcber den Monitor als Wesentliche Informationsquelle zu nutzen. Wenn dieser wegf\u00e4llt, fehlt einfach ein unersetzlicher R\u00fcckkanal, der auch durch die genannten Hilfssysteme nur begrenzt kompensiert werden kann. Und jetzt Hand auf&#8217;s Herz: Wenn Sie unter diesen Umst\u00e4nden um die Hilfe bei einem Computer-Problem fragen, wollen Sie nicht wirklich, dass ihr Computer danach anders auf Ihre Eingaben reagiert.<\/p>\n<p>Wer jetzt glaubt, eine Braille-Zeile oder Sprachausgabe kann hier wirklich helfen, der irrt gewaltig. Prinzipiell sagt eine Sprachausgabe einem Nutzer zwar an, was so ungef\u00e4hr auf dem Bildschirm zu erkennen w\u00e4re, wenn man ihn sehen k\u00f6nnte, rein praktisch h\u00f6rt diese Unterst\u00fctzung aber bereits bei Programmen wie dem Internet Explorer 8 oder dem Firefox auf, da die Screenreader die in einem Browser dargestellten Informationen nur mit Hilfe des Browsers in sinnvolle Hinweise f\u00fcr den Nutzer<br \/>\numwandeln k\u00f6nnen, wenn die Software, die etwas darstellen m\u00f6chte auch mitspielt. Ein mehrspaltiges Listview, wie man es aus dem Explorer z.B. aus der Detailansicht eines Ordners kennt, mag f\u00fcr einen sehenden einfach greifbar sein. F\u00fcr jemanden, der diese Strukturelle Zuordnung nicht kennt, ist eine solche Pr\u00e4sentation ohne Aufbereitung nutzlos. Versuchen Sie das einfach einmal ohne bildliche Darstellung zu beschreiben &#8211; gar nicht so einfach, was?<\/p>\n<p>Nach dem dieser kurze Exkurs in die Welt der Hilfsmittelsysteme hoffentlich einen groben Blick f\u00fcr die Dinge verschafft hat, nun zur\u00fcck zu meinem Fall. Auch hier noch ein wenig Beschreibung vorweg, da die beabsichtigte Aufgabe sonst nicht klar wird. Das System war ein frisch instlliertes Hilfssystem, bei dem nach der Auslieferung noch eine Reihe kleinerer Einstellungen vor Ort n\u00f6tig wahren. Bei diesem System handelte es sich um ein men\u00fcgesteuertes System, bei dem die Informationsvermittlung mit Hilfe einer Sprachausgabe realisiert wurde, die jedoch nur innerhalb dieses Men\u00fcsystems funktionierte. Wer bereits einmal eine Linux-Distribution im Textmodus installiert hat, d\u00fcrfte eine relativ gute Sicht haben, wie dieses aussah. Das System selber war jedoch ein normales Windows und auch das Men\u00fc war kein Plaintext an sich, sondern einfache Listboxen, die als Men\u00fc fungierten. Die Bedienung erfolgte aber wirklich analog den Pendants im Linux-Installer.<\/p>\n<p>Eine der mit diesem System zu erf\u00fcllenden Aufgaben war es nun, dass der Nutzer das System starten, und dann \u00fcber einen angeschlossenen Receiver den Videotext auslesen k\u00f6nnen sollte. Abgesehen davon, dass f\u00fcr diese Aufgabe schon mal nicht jede beliebige TV-Karte funktioniert (im Wesentlichen nur Hauppauge-Karten erf\u00fcllen hier einige notwendige Voraussetzungen f\u00fcr den Videotext), weigern sich die Haupauge-Treiber regelm\u00e4\u00dfig, korrekt zu funktionieren.<\/p>\n<p>So auch in unserem Fall. Beim ersten Start des wurde nun der in dem zum System mitgelieferten Hinweisen beschriebene Sendersuchlauf ausgef\u00fchrt. Dieser funktionierte auch soweit, allerdings wurden die dabei gefundenen Sender nicht sauber in die Blindensoftware \u00fcbernommen. Auch mehrfache Neustarts l\u00f6sten das Problem vorerst nicht.<\/p>\n<p>Hinzu kam an dieser Stelle, dass der Receiver nicht via Antennenkabel, sondern \u00fcber den Composite-Eingang der TV-Karte angeschlossen war, was im Vorfeld mehrfach auch kommuniziert wurde, bei der Einrichtung seitens der Hilfsmittelfirma aber weder beachtet, noch auf Funktionalit\u00e4t gepr\u00fcft wurde.<\/p>\n<p>Und nun zum langwierigen Teil: Suchen wir einmal, warum es nicht geht&#8230; Also Schritt f\u00fcr Schritt die zahlreichen Programme durchgegangen, denn allein f\u00fcr das Fernsehen gab es zwei Programme von Hauppauge direkt dazu, die zwar beide die gleiche Senderliste nutzten, aber nur unter der Bedingung eines Sendersuchlaufs die Konfiguration aktualisierten. Also an der Stelle, wo es das Hilfsmittel-Programm ben\u00f6tigte; denn in der Registry standen sofort die neuen Daten.<\/p>\n<p>Dass selbst Hauppauge-eigene Programme damit nicht zurecht kamen, was in den Konfigs hinterlegt wurde, konnte man gleich im n\u00e4chsten Schritt sehr gut beobachten: Denn obwohl eine Senderliste vorhanden war &#8211; inklusive der W\u00fcnsche des Videotext-Programmes &#8211; wurde diese vom Videotext-Programm nicht gefunden. Mit dem Hinweis, man solle doch noch mal Sender suchen. Startete man nun jedoch das TV-Programm gleichzeitig mit dem Videotext, so lie\u00df sich dieser ganz magisch zum Funktionieren \u00fcberreden. Also scherzhaft probiert: Lief das TV-Programm konnte pl\u00f6tzlich auch die Sprachausgabe auf den Videotext zugreifen. Das Ausf\u00fchren des Videotext-Programmes war nun nicht n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Da es inzwischen sp\u00e4t war, kam es nun zu dem Punkt, an dem zu entscheiden war, wie man kurzfristig mit dieser L\u00f6sung umgeht, die auch ohne Sprachausgabe sinnvoll zu bedienen geht. Der erste Einfall war, das TV-Programm im Autostart mitzustarten, was jedoch unvorhersehbares Verhalten produzierte (Der Fokus f\u00fcr die Sprachausgabe war nicht garantiert). Die zweite Alternative war da schon etwas besser, ben\u00f6tigte aber die Interaktion des Nutzers, der einmalig 2 Tastenkombinationen zu dr\u00fccken hatte.<\/p>\n<p>Die zweite L\u00f6sung bestand im Wesentlichen aus dem Schritt, via einem globalen Hotkey das TV-Programm zu starten, kurz zu warten, bis es gestartet ist, und danach die Sprachausgabe wieder in den Vordergrund zu holen. Insgesamt also:<\/p>\n<ol>\n<li>Strg+Alt+T (Der globale Hotkey auf die Programmverkn\u00fcpfung)<\/li>\n<li>5 Sekunden warten, bis das Programm geladen ist<\/li>\n<li>Alt+Tab (Sprachausgabe in den Vordergrund)<\/li>\n<\/ol>\n<p>Und hier war nun die Bruchstelle: W\u00e4hrend dies f\u00fcr einen Nutzer, der zumindest ein wenig Erfahrung im Umgang mit einem Computer hat, auch ohne R\u00fcckmeldung durch den Bildschirm relativ einfach m\u00f6glich ist, auszuf\u00fchren, gab es in diesem Fall argen Protest &#8222;das musste ich vorher beim alten System so nicht machen!&#8220;, bzw. &#8222;das war fr\u00fcher nicht notwendig!&#8220;. Diese Sturheit, wenn auch bei sehenden Anwendern genauso anzutreffen, ist gerade in den F\u00e4llen, wo sie am wenigstens weiterf\u00fchrt, am st\u00e4rksten ausgepr\u00e4gt. Ich kann durchaus verstehen, dass jeder Handgriff mehr Komplexit\u00e4t bedeutet, aber eine vollst\u00e4ndige Ignoranz der Technik gegen\u00fcber hilft keinem. Datenbrillen wie in StarTrek sind leider noch nicht erfunden; und die neuronalen Interfaces, die es gibt, sind auch noch nicht in der Qualit\u00e4t, dass man damit seine B\u00f6rsenkurse abfragen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>So weit war nun das System erst einmal eingerichtet und auch die Aufgabe, die es erf\u00fcllen sollte, war (abgesehen von besagtem kurzen Work-Around) m\u00f6glich. Nun ging es also darum, mit der Hilfsmittelfirma noch einmal eine L\u00f6sung auch f\u00fcr diesen Workaround abzukl\u00e4ren, was sich angesichts dessen, dass die Reaktion auf Vorschl\u00e4ge zur \u00c4nderung \u00e4hnlich einladend wie bereits tags zuvor, auch trotz ausreichender Fachkompetenz auf der anderen Seite der Telefon-Leitung als relativ schwierig erwies. Hier wurde dann auch klar, dass die Software nicht darauf ausgelegt war, stabil auch mit dem Composite-Eingang zu funktionieren, sondern im Wesentlichen in genau den Testcases funktionierte, die unter Laborbedingungen vorgegeben wurden. Software zu schreiben, die auch nach Bedienung durch den User oder anderen Naturkatastrophen noch funktioniert, scheint eindeutig aus der Mode gekommen zu sein. Und as ist nun wirklich schade.<\/p>\n<p>Geht man nun von diesem Fall ein wenig weiter, findet man wie bereits erw\u00e4hnt aber auch Vorlese-Systeme, die nicht nur innerhalb ihrer eigenen Men\u00fc-Struktur f\u00fcr Sprachausgabe sorgen, sondern das gesamte System akustisch erfahrbar machen. Und wer jetzt fragt, woher diese Systeme wissen, was da auf dem Monitor steht: Nur durch die Mithilfe der jeweiligen Programme. Was solche Systeme tun, ist nichts weiter, als die Control- und Fenster-Struktur auf dem Monitor auszuwerten und anhand aktueller Kontext-Informationen (Fokus, Art des Steuerelementes, Verkn\u00fcpfungen zu anderen, &#8230;) eine Aufbereitung der textuell vorliegenden Informationen zu liefern. Wer also bei Screenreader an OCR denkt, liegt in den allermeisten F\u00e4llen komplett falsch. Ohne die Mithilfe der Programme h\u00f6rt ein Blinder in solchen F\u00e4llen einfach mal nichts.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Internet-Explorer unter Sehenden, insbesondere den technisch versierteren Nutzern, verp\u00f6hnt ist, ist er in solchen F\u00e4llen (zumindest in Version 6 und 7) die einzige Chance f\u00fcr einen Blinden etwas verst\u00e4ndliches aus dem Internet geliefert zu bekommen. So sch\u00f6n Firefox, Opera, Safari und Chrome sein m\u00f6gen, so wenig funktionieren Sie mit Screenreadern, geschweige denn Braille-Zeilen. Auch wenn Microsoft hier wieder aufholt: Ihr Internet Explorer funktioniert hier auch nicht&#8230; Von zahlreichen anderen Inkompatibilit\u00e4ten mal ganz zu schweigen. Insgesamt ist daher die Arbeit mit Blindensystemen nichts f\u00fcr Jedermann, sondern erfordert eine gewisse Erfahrung, dass man nicht aus Versehen etwas verstellt oder \u00e4ndert, was an anderen Stellen in genau der anderen Einstellung ben\u00f6tigt wird.<\/p>\n<p class=\"wp-flattr-button\"><a href=\"https:\/\/blog.benny-baumann.de\/?flattrss_redirect&amp;id=753&amp;md5=5484aad19e51f55a14119ee63b2cc72c\" title=\"Flattr\" target=\"_blank\"><img src=\"http:\/\/blog.benny-baumann.de\/wp-content\/plugins\/flattr\/img\/flattr-badge-large.png\" srcset=\"http:\/\/blog.benny-baumann.de\/wp-content\/plugins\/flattr\/img\/flattr-badge-large.png\" alt=\"Flattr this!\"\/><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Tage wurde ich von einem Kunden zu einem der etwas anderen Auftr\u00e4ge gerufen. Also es hatte auch mit Computern zu tun, wie es so h\u00e4ufig der Fall ist, wenn irgendwer um meine Hilfe br\u00fcllt. 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